Kieselsteine

  • Das kategoriale Scheitern der Symbolpolitik: Warum die Vermögenssteuer die Superreichen nicht erreicht

    Die politische Forderung nach einer Vermögenssteuer operiert mit dem Mythos eines „Millionärskontos“ – der Vorstellung, Reichtum liege als leicht besteuervoller Geldbetrag vor. Diese Symbolpolitik übersieht die kategoriale Differenz zwischen dem Besitz des Mittelstands und dem Kapital der Superreichen. Eine klassische Vermögenssteuer würde nicht die Spitze der Ungleichheit treffen, sondern primär diejenigen belasten, deren Vermögen transparent und juristisch ungeschützt ist.

    Die kategoriale Differenz des Vermögens


    Die Natur des zu besteuernden Vermögens unterscheidet sich fundamental:

    KategorieMerkmale des Vermögens
    Mittelstand / Gehobene MitteImmobilien (oft selbstgenutzt), Sparguthaben, transparente Wertpapierdepots. Dieses Vermögen ist leicht bewertbar und lokal gebunden.
    Superreiche /
    Kapitalelite
    Unternehmensbeteiligungen in verschachtelten Holdings, Stiftungen und Trusts, Offshore-Strukturen, illiquide Assets (Kunst, Patente). Dieses Vermögen ist strukturell geschützt, international mobil und bewertungsresistent.



    Immunität durch Struktur:
    Das Kapital der Superreichen ist in Rechtsformen gebunden, die es dem direkten fiskalischen Zugriff entziehen. Stiftungen verhindern Erbschafts- und Vermögenszugriff; Holdings verschieben Gewinne international.

    Die Falle der Transparenz: Die Vermögenssteuer träfe daher vor allem den gehobenen Mittelstand – etwa Rentner mit einem wertvollen, abbezahlten Haus in München oder inhabergeführte Mittelständler. Deren Vermögen ist sichtbar, während das der Milliardäre im Geflecht des Rechts verschwindet.

    Die drei Mechanismen des Scheiterns

    In der Praxis scheitert eine traditionelle Vermögenssteuer an kategorialen Mechanismen, die nur das Kapital der Reichsten voll ausschöpfen kann:

    Die Flucht des Kapitals: Kapital ist extrem mobil. Internationale Erfahrungen (Frankreich, Schweden) zeigen: Die Einführung einer Vermögenssteuer führt zu Kapitalflucht und Abwanderung von Steuerpflichtigen. Die steuerliche Basis – die Superreichen – entzieht sich, während der Mittelstand mit seinem gebundenen Vermögen zurückbleibt.

    Die Unbewertbarkeit der Assets: Die faire Bewertung von nicht-börsennotierten Unternehmensbeteiligungen oder komplexen Kunstsammlungen ist kaum möglich und erzeugt massiven bürokratischen Aufwand. Die Reichsten können ihre Vermögenswerte bewusst unbewertbar machen, während die Immobilie des Mittelständlers nach festen Regeln bewertet wird.

    Die Macht der Rechtsform: Die Superreichen nutzen Stiftungen und Holdings, um Vermögen aus dem persönlichen Besitz zu entkoppeln. Die politische Forderung nach einer Besteuerung „des Reichen“ läuft ins Leere, weil das Kapital formal nicht mehr ihm gehört.

    Vom Symbol zur Struktur

    Die Forderung nach einer Vermögenssteuer ist politisch populär, aber wirtschaftlich stumpf. Sie bekämpft nicht die Ursache der Ungleichheit, sondern bestraft deren sichtbarste, nicht aber mächtigste Opfer: die lokal verwurzelte Mittelschicht.

    Wer die Ungleichheit kategorial bekämpfen will, muss die Architektur des Kapitals angreifen:

    Schließung von Steuerschlupflöchern für Stiftungen und internationale Holdings

    Konsequente Besteuerung von Großerbenschaften

    Stärkung der internationalen Steuertransparenz und -kooperation

    Alles andere ist Symbolpolitik – sie klingt gut, verfehlt aber das strukturelle Problem und bestraft jene, die nicht fliehen können.

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  • Die kategoriale Differenz der Verletzlichkeit: Ein Schicksalsschlag entfernt


    Die Diskussion über Reichtum und Armut übersieht systematisch die kategoriale Differenz der Verletzlichkeit. Sie suggeriert, die statistische Mitte sei durch ihr Vermögen gesichert. In Wahrheit ist der Abstand zwischen „normal“ und „arm“ erschreckend gering. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt nur einen Schicksalsschlag entfernt – den Verlust des Arbeitsplatzes, eine schwere Krankheit oder eine Scheidung – von der existenziellen Notwendigkeit, ihr Vermögen aufzehren zu müssen.

    Die trügerische Sicherheit des Medianvermögens


    Das Medianvermögen in Deutschland liegt bei etwa 106.000 Euro. Diese Zahl markiert die Spitze der unteren Hälfte der Gesellschaft und wird oft fälschlicherweise als Ausdruck von Stabilität gedeutet.

    • Die Nähe zur Not: Dieses Vermögen mag in der Lebenswelt der Geringverdiener als unerreichbar gelten. In der Realität der Mittelschicht ist es jedoch oft das Ergebnis jahrzehntelanger Sparleistung – nicht primär zur Investition gedacht, sondern zur Absicherung.
    • Der Abgrund der Verwertung: Die eigentliche kategoriale Spaltung zeigt sich hier: Das Vermögen der Mitte ist kein Kapital (eine generative Ressource), sondern eine Verbrauchsreserve, deren Zweckbestimmung die Vernichtung im Notfall ist.

    Die Härte des Sozialrechts: Die Verwertungspflicht


    Die Verletzlichkeit der statistischen Mitte wird durch das Sozialrecht brutal offengelegt. Die Regeln des Bürgergeldes machen deutlich, dass Vermögen oft nur Sicherheit auf Zeit ist.

    • Die Verwertungspflicht: Bevor der Staat mit bedarfsorientierten Leistungen unterstützt, muss das Vermögen prinzipiell „aufgegessen“ werden. Ein Urteil des Bundessozialgerichts von 2012 illustriert dies drastisch: Ein Ehepaar musste sein 120 m² großes Eigenheim verkaufen, nachdem die Kinder ausgezogen waren – es galt fortan als „zu groß“.
    • Reich auf dem Papier, mittellos in der Krise: Dieses Prinzip zwingt Menschen dazu, ihre hart erarbeitete Lebensleistung – das abbezahlte Haus, die Altersvorsorge – zu zerstören, bevor sie auf staatliche Solidarität hoffen können. Selbst ein Haus im Wert von einer Million Euro ist kein geschützter Besitz, sondern Verwertungsmasse.

    Die zwei Wahrheiten der Armut und die kategoriale Differenz

    Die Vermögensfrage spaltet die Gesellschaft nicht nur in die, die viel haben, und die, die wenig haben. Sie spaltet sie in die, deren Existenz durch einen Schicksalsschlag systemisch verwundbar ist, und die, deren Kapital immunisiert ist.

    • Die Perspektive der Armen: Sie schauen nach oben und sehen in den 106.000 Euro einen unerreichbaren Reichtum.
    • Die Perspektive der Mitte: Sie schaut nach unten und sieht die Armut des Bürgergeldes und die eigene prekäre Lage.
    • Beide liegen richtig.

    Die wahre kategoriale Differenz verläuft zwischen:

    • Dem verwundbaren Besitz der Mitte, der im Notfall verbraucht werden muss.
    • Dem immunen Kapital der Wohlhabenden, für die ein Rückschlag ein operatives Risiko ist, das durch Diversifikation und die Fluchtgeschwindigkeit des Kapitals aufgefangen wird.

    Die Illusion der Sicherheit

    Reichtum ist nicht nur Yacht und Villa. Reichtum ist auch: eine abbezahlte Wohnung, ein sechsstelliger Betrag als Reserve. Armut ist nicht nur „kein Geld“, sondern die ständige Angst, dass ein Schlag das Wenige zerstört.

    Solange die kategoriale Differenz der Verletzlichkeit besteht, bleibt die breite Masse – auch wenn sie statistisch zur Mitte zählt – strukturell in der Nähe zur Armut. Die Debatte muss sich von den Extremen lösen und anerkennen, dass die Sicherheit der Mitte eine Illusion ist, solange ihr Vermögen im Ernstfall nicht schützt, sondern geopfert werden muss.

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  • Die kategoriale Asymmetrie der Solidarität: Sozialausgaben unter der Lupe

    Die öffentliche Debatte über die Finanzierung des Sozialstaats leidet unter einem systemischen Zerrbild. Der Fokus richtet sich reflexartig auf bedarfsorientierte Leistungen wie Bürgergeld oder Grundsicherung, die als „Kostentreiber“ dargestellt werden. Diese Perspektive verschleiert die kategoriale Asymmetrie der Solidarität: Während die breite Mitte und die unteren Schichten die Hauptlast tragen, sind die höchsten Einkommen über die Beitragsbemessungsgrenze strukturell von einer proportionalen Beteiligung entlastet.

    Die Illusion der „unbezahlbaren“ Sozialkosten

    Eine nüchterne Analyse des Bundeshaushalts widerlegt die populäre Darstellung. Von den rund 218 Milliarden Euro für „Soziale Sicherung“ im Jahr 2024 entfielen nur etwa 55 Milliarden Euro auf streng bedarfsorientierte Leistungen wie Bürgergeld. Der weitaus größere Teil fließt in universelle Transferleistungen und Zuschüsse zur Sozialversicherung (z.B. Rentenzuschüsse, Kindergeld), die unabhängig vom Einkommen gezahlt werden.

    Die politische Debatte über Einsparungen in Millionenhöhe – wie bei der Elterngeld-Kürzung für Spitzenverdiener – erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur bescheiden, sondern symbolisch verzerrt. Sie lenkt vom eigentlichen Finanzierungsproblem ab: der strukturellen Entlastung der Spitze.

    Das Szenario der vollen Sozialpflichtigkeit

    Das zentrale Privileg der Spitzenverdiener ist die Beitragsbemessungsgrenze (BBG). Sie führt dazu, dass der effektive Beitragssatz zur Sozialversicherung ab einer bestimmten Einkommenshöhe sinkt. Ein Millionär zahlt den gleichen Maximalbeitrag wie ein Oberarzt.

    Ein fiktives Szenario macht das Ausmaß dieses Privilegs sichtbar:

    • Annahme: Die BBG wird abgeschafft. Das Top-1-Prozent der Einkommensbezieher (Gesamteinkommen: ca. 500 Mrd. Euro/Jahr) zahlt proportional Sozialbeiträge.
    • Einnahmepotenzial: Theoretisch könnten so über 200 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich generiert werden (bei kombinierten Beitragssätzen von ca. 40 % für Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung).
    • Relation: Dieses Potenzial übersteigt die jährlichen Ausgaben für streng bedarfsorientierte Leistungen (55 Mrd. Euro) um mehr als das Dreifache.

    Das kategoriale Privileg der BBG

    Die Beitragsbemessungsgrenze ist somit nicht nur ein statistisches Detail, sondern ein kategoriales Privileg. Sie ist der Mechanismus, der hohe Einkommen vom Prinzip der proportionalen Solidarität entbindet und die Lastenverteilung strukturell verzerrt.

    Die Debatte über „unbezahlbare Sozialausgaben“ ist daher weniger eine Frage der Gesamtlast als der Verteilung der Lasten. Der politische Reflex, bei den Bedürftigsten zu sparen, ignoriert das weitaus größere finanzielle Potenzial, das in der vollen Beteiligung der Top-Einkommen liegt.

    Solidarität oder Selbstbedienung?

    Die kategoriale Asymmetrie zeigt: Der Sozialstaat schützt die Spitze der Einkommenspyramide systemisch, anstatt sie vollständig an der Finanzierung zu beteiligen. „Reich ist nicht gleich reich“ bedeutet hier: Nicht jeder obere Einkommensbezieher trägt proportional zu seinen Mitteln bei. Die volle Sozialpflichtigkeit der Spitzenverdiener könnte das soziale Sicherungssystem nicht nur stabilisieren, sondern die Debatte über Sozialausgaben auf eine realistischere und gerechtere Basis stellen. Es geht nicht um die Frage, ob wir uns Solidarität leisten können, sondern wer sich ihr entziehen darf.

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  • Warum Vermögen in Deutschland männlich ist: Die patriarchale Architektur des Eigentums

    Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zeigt sich nirgends deutlicher als in der Vermögensfrage. Während der Einkommensunterschied (Gender Pay Gap) intensiv diskutiert wird, bleibt die tiefere Wahrheit oft unsichtbar: der Gender Wealth Gap. Vermögen in Deutschland ist nicht zufällig ungleich verteilt – es ist das Ergebnis einer jahrhundertealten patriarchalen Architektur des Eigentums, die bis in die Gegenwart nachwirkt.

    Das Vermögensgefälle: Die Pyramide ist männlich

    Die Schieflage ist umso deutlicher, je höher man die Vermögenspyramide hinaufblickt. Der Reichtum verliert mit steigender Größe seine geschlechtliche Neutralität und wird zur Männerdomäne:

    • Bei Milliardenvermögen (Daten 2025): 71 Prozent gehören Männern, nur 29 Prozent Frauen.
    • Bei Millionär:innen (DIW-SOEP): Der Frauenanteil liegt bei nur etwa einem Drittel.
    • Gesamtvermögen: Selbst unter Einbeziehung von Rentenansprüchen besitzen Frauen im Schnitt 28 bis 35 Prozent weniger Vermögen als Männer.

    Diese Zahlen belegen: Geld und Macht sind auch im Bereich des Superreichtums geschlechtlich ungleich verteilt, was auf eine tiefgreifende, systemische Diskriminierung hindeutet.

    Das historische Fundament: Die Rechtsunmündigkeit

    Die Wurzeln des geschlechtsspezifischen Vermögensgefälles reichen tief in die deutsche Rechtsgeschichte und erklären den heutigen Vorsprung:

    • Institutionelle Entmündigung: Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) von 1900 institutionalisierte die ökonomische Entmündigung der Frau. Sie war geschäftsunfähig; ihr Vermögen wurde vom Mann verwaltet, und ihre Erwerbstätigkeit konnte er verbieten.
    • Die unsichtbare Arbeit: Das Prinzip der Haushaltsführung als „natürliche Aufgabe“ schuf eine unbezahlte Arbeitsschicht, die Frauen von der Kapitalakkumulation ausschloss. Während Männer Einkommen und Betriebsvermögen aufbauten, sicherten Frauen das Fundament ohne Eigentumsanspruch.
    • Das patriarchale Erbrecht: Bis ins späte 20. Jahrhundert wurden Höfe und Betriebe vorrangig an Söhne vererbt, um den „Familienbesitz“ zu erhalten. Töchter erhielten häufig lediglich eine Aussteuer anstelle von produktivem Kapital.

    Diese historischen Strukturen schufen einen generationenübergreifenden Vorsprung für Männer, der sich bis heute in der Vermögenssubstanz fortschreibt.

    Die moderne Fortschreibung: Der Teufelskreis des Kapitals

    Auch nach der formalen Gleichstellung perpetuieren sich die Mechanismen der Ungleichheit über moderne wirtschaftliche und soziale Faktoren:

    1. Erwerbsbiografien und Care-Arbeit (Die Teilzeitfalle): Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit oder unterbrechen Karrieren für Sorgearbeit. Dies mindert nicht nur das heutige Einkommen, sondern auch die Spar- und Investitionsmöglichkeiten sowie die zukünftigen Rentenansprüche.
    2. Vermögensarten (Das Renditegefälle): Männer halten überproportional häufig Beteiligungen an Unternehmen und Aktienpaketen, die stärker im Wert steigen und steuerlich begünstigt sind. Frauen sind häufiger auf klassische, renditeärmere Sparformen angewiesen.
    3. Das patriarchale Erbe in den Gesetzen: Männer profitieren stärker von den großzügigen Steuervergünstigungen bei Betriebsvermögen in der Erbschaft- und Schenkungsteuer. Frauen erben seltener diese Form von steuerprivilegiertem Großkapital.
    4. Macht und Einfluss (Die Netzwerk-Lücke): Die „Old Boys‘ Networks“ in Finanzbranche und Unternehmertum kontrollieren den Zugang zu Kapital, Informationen und lukrativen Beteiligungen. Reichtum verleiht gesellschaftliche Gestaltungsmacht – und diese wird überwiegend von Männern besetzt.


    Vermögen als letzte Glasdecke

    Die Debatte um Gleichberechtigung konzentriert sich zu oft auf das Einkommen. Doch die eigentliche Machtfrage ist die nach dem Vermögen. Einkommen sichert die Gegenwart; Vermögen sichert die Zukunft, verleiht Gestaltungsmacht und schafft Unabhängigkeit über Generationen.

    Solange die unsichtbare Architektur des Eigentums – die historischen Hypotheken, die modernen Zeitfallen und die informellen Codes – nicht grundlegend dekonstruiert wird, bleibt Vermögen in Deutschland eine männliche Domäne. Die Überwindung dieser letzten Glasdecke erfordert eine Revolution der Vermögensordnung.

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  • Vier von fünf Deutschen sind arm: Die Grenze der ökonomischen Souveränität

    Die Behauptung klingt provokant, doch sie beschreibt eine nüchterne Realität der Machtverhältnisse: Wer in Deutschland zum reichsten Fünftel gehören will, braucht ein Nettovermögen von rund 250.000 Euro. Was auf den ersten Blick nach Wohlstand klingt, entlarvt sich bei näherer Betrachtung als präsumptiver Wohlstand. Diese Grenze markiert nicht den Eintritt in die Welt der Vermögenden, sondern lediglich das Ende der Zone der finanziellen Verletzlichkeit.

    Die Illusion der 250.000 Euro

    Die Bewertung dieser Schwelle ist primär eine Frage der kategorialen Perspektive.

    • Perspektive als Kleingeld: In der Lebenswelt eines Angestellten erscheinen 250.000 Euro als beträchtliche Summe. In der Welt der Unternehmer, Investoren und Erben ist sie hingegen operatives Kleingeld – ein Betrag, der bei einer einzigen, gescheiterten Unternehmensgründung oder Fehlinvestition vollständig aufgezehrt werden kann.
    • Die Puffer-Logik: Wahre Vermögenssicherheit beginnt dort, wo Verluste den Grundpuffer nicht gefährden. Für die unteren 80 % der Deutschen existiert dieser Puffer nicht. Ihr Vermögen ist nicht Spielkapital zur Generierung von Rendite, sondern Notfallreserve – und oft nicht einmal das.



    Die Anatomie der strukturellen Entmachtung

    Die offiziellen Vermögensdaten (z.B. Bundesbank, 2023) zeichnen ein klares Bild der Schieflage und der strukturellen Entmachtung der Mehrheit:

    Vermögens-
    segment
    Netto-
    vermögen
    Implikation
    Median
    (50. Perzentil)
    106.000 EuroDie Hälfte der Haushalte hat weniger
    8. Dezil
    (Ende 80 %)
    241.000 EuroHier endet die Zone der
    breiten Mehrheit
    10. Dezil
    (Oberstes 10 %)
    >777.000 EuroHier beginnt die Welt des
    echten Kapitals


    Die entscheidende Erkenntnis: Die unteren 80 % sind strukturell entmachtet. Ihr Vermögen reicht nicht aus, um:

    • Unternehmerische Risiken mit Aussicht auf exponentielle Gewinne einzugehen
    • Generationenübergreifende Sicherheit als Fluchtkapital aufzubauen
    • Einen längeren Erwerbsausfall ohne existenzielle Gefährdung zu überstehen

    Das Risiko der fehlenden Masse

    Die vermeintliche „Mitte“ lebt in einer ständigen Risiko-Asymmetrie:

    • Endgültiger Fehlschlag: Für 80 % der Haushalte ist der Verlust von 50.000 Euro – ein realistischer Wert bei einer Wirtschaftskrise, Krankheit oder einem Immobiliendefekt – der Verlust eines Lebensabschnitts an Sparleistung.
    • Systemisch irrelevant: Für das oberste Zehntel ist derselbe Verlust eine marginale Delle in der Bilanz, die das Gesamtvermögen nicht gefährdet.

    Diese Asymmetrie ist der eigentliche Ausdruck der kategorialen Differenz. Es geht nicht um Konsumfähigkeit, sondern um Handlungsmacht und Souveränität. Vier von fünf Deutschen sind in diesem Sinne „arm“ – nicht an Konsumgütern, sondern an ökonomischer Unabhängigkeit.

    Die unsichtbare Grenze der Macht

    Die Vermögensstatistik ist keine Landkarte des Wohlstands, sondern eine Karte der Machtverhältnisse. Die Grenze bei 250.000 Euro markiert nicht den Übergang zum Reichtum, sondern das Ende der Zone, in der Vermögen lediglich Schutzfunktion hat. Der Übergang zur Souveränität beginnt dort, wo Vermögen zur Gestaltungsmacht wird.

    Die wahre Spaltung verläuft zwischen jenen, deren Kapital für sie arbeitet und exponentiell wächst, und jenen, die für ihr Vermögen arbeiten müssen – und dabei stets riskieren, das wenige wieder zu verlieren.

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  • Die Hierarchisierung des Besitzes: Lehnswesen

    Das europäische Lehnswesen baute auf dieser Abstraktion auf und schuf eine kaskadenartige Machtpyramide.

    • Dominium Directum vs. Utile: Das Land wurde juristisch gespalten. Der König hielt das Dominium Directum (das Obereigentum), während Vasallen das Dominium Utile (Nutzungseigentum) erhielten.
    • Die Zementierung der Macht: Es entstand ein mehrstufiges, erbliches System, das die Kontrolle über Ressourcen in den Händen weniger Dynastien konzentrierte und rechtlich festschrieb. Reichtum basierte hier nicht auf ökonomischer Produktivität, sondern auf einem durch Herkunft und Recht legitimierten Anspruch.

    Die gewalttätige Geometrie des Landes: Kolonialismus

    Die globale Ausweitung dieses Prinzips im Kolonialismus etablierte die moderne Ungleichheit durch systematische Enteignung.

    • Terra Nullius: Europäische Mächte deklarierten Land, das von indigenen Völkern genutzt wurde, als „herrenlos“ und übertrugen ihr abstraktes Eigentumsrecht gewaltsam darauf. Gemeinschaftliche Nutzungsrechte wurden null und nichtig.
    • Der Urknall des globalen Reichtums: Diese gewaltsame Aneignung und anschließende juristische Parzellierung schuf das fundamentale Startkapital für westliche Dynastien und die spätere industrielle Revolution. Der globale Norden baute seinen Wohlstand auf einem rechtlich konstruierten und militärisch durchgesetzten Landraub auf.

    Der systemische Vorteil

    Der heutige Reichtum ist in seiner Struktur ein Erbe dieser juristischen Revolutionen. Die kategoriale Differenz zwischen dem, der arbeitet, und dem, der besitzt, wird durch die Dauerhaftigkeit des Eigentumsrechts abgesichert. Wer heute über Kapitalvermögen verfügt, profitiert nicht einfach von individueller oder ancestraler Leistung, sondern von einem systemischen Vorteil: einem historisch gewachsenen Rechtsregime, das die Akkumulation und Weitergabe von Macht und Ressourcen über Generationen hinweg ermöglicht und die einmal geschaffenen Zugänge zementiert hat.

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  • Die juristische Fundierung des Reichtums: Besitz als Recht

    Moderner Reichtum ist kein Zufall und keine reine Leistungsfrage. Er ist das Produkt einer historisch gewachsenen und juristisch zementierten Machtstruktur: dem abstrakten Eigentum. Die kategoriale Differenz zwischen Arbeit und Kapital wird erst verständlich, wenn man die Geschichte des Besitzes als Geschichte seiner fortschreitenden Entkörperlichung und Absicherung begreift.

    Die Entkörperlichung des Eigentums: Römisches Recht

    Der erste revolutionäre Schritt war die Abstraktion des Besitzes vom physischen Gegenstand.

    • Dominium: Das römische Recht schuf mit dem Dominium das Konzept eines rein rechtlichen, abstrakten Eigentums. Besitz war fortan nicht mehr an Nutzung oder physische Präsenz gebunden, sondern ein vererbbarer, von der Person lösbarer Rechtsanspruch.
    • Die Geburt des Kapitals: Diese juristische Setzung entkoppelte Reichtum erstmals systematisch von Arbeit. Vermögen konnte nun in Urkunden, Anteilen und Ansprüchen verkörpert werden – die Voraussetzung für seine Kontinuität über Generationen.


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  • Der Zynismus der falschen Wahl

    Die Behauptung, 80 % der Deutschen parkten ihr Geld nur, ist zynisch. Sie unterstellt eine Entscheidungsfreiheit, die für die meisten Haushalte nicht existiert. Die wahre Ungleichheit zeigt sich nicht in der Statistik des Besitzes, sondern in der realen Verfügbarkeit von Liquidität. Sie spaltet die Gesellschaft in jene, deren Vermögen ihnen Handlungsmacht verleiht, und jene, deren Besitz sie in ihrer Existenz fesselt.

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  • Die Liquiditätsfalle

    Die strukturelle Bindung des Vermögens wird in existenziellen Krisen zur fundamentalen Falle.

    • Gebundenheit als Belastung: Dies betrifft nicht nur Privathaushalte, sondern in besonderem Maße Landwirte, Gastwirte und Kleinunternehmer. Deren Betriebsvermögen ist durch Kredite belastet und durch ständige Investitionszwänge blockiert. Das Vermögen ist vorhanden, aber nicht disponibel.

    • Das Diktat der Verwertung: Ein Urteil des Bundessozialgerichts machte dies schonungslos deutlich: Selbst beträchtliches Immobilien- oder Betriebsvermögen muss vor der Inanspruchnahme von Sozialleistungen erst „aufgegessen“ – also in Liquidität umgewandelt und damit zerstört – werden. Vermögen ohne Liquidität ist in der Krise keine Sicherheit, sondern eine Verwertungsfalle.

    Die kategoriale Spaltung der Verfügbarkeit

    Die Liquiditätsfrage entlarvt die Ungleichheit in ihrer schärfsten Form.

    • Die verschleierte Verteilung: Die aggregierten Vermögenszahlen werden von der Spitze dominiert: Das oberste 1 % hält rund 35 % des Gesamtvermögens, die unteren 50 % der Haushalte hingegen lediglich 1–2 %. Die Behauptung des „Geld-Parkens“ beschreibt folglich nicht das Verhalten der Breite, sondern die ungleiche Verteilung des wenigen frei verfügbaren Kapitals.

    • Die wahre Trennlinie: Die entscheidende kategoriale Differenz verläuft nicht zwischen „Investieren“ und „Nicht-Investieren“, sondern zwischen „Liquidität vorhanden“ und „Liquidität nicht vorhanden“. Der Großteil der Bevölkerung hat schlicht kein nennenswertes Kapital, das sie „falsch parken“ könnten.


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  • Die Illusion der Wahlfreiheit: Gebundenes und freies Vermögen

    Die oft zitierte Aussage, 80 % der Deutschen würden ihr Geld nur auf dem Konto parken, ist nicht nur irreführend – sie unterstellt eine falsche Wahlfreiheit und ignoriert die reale Liquiditätsgrenze der Mehrheit. Sie suggeriert, der Großteil der Bevölkerung könnte, aber wolle nicht, und verschleiert so eine der tiefsten kategorialen Spaltungen unserer Gesellschaft: die zwischen gebundenem und freiem Vermögen.

    Das trügerische Medianvermögen

    Die offizielle Statistik liefert eine Zahl, die die Lebensrealität der Mehrheit verzerrt. Das Medianvermögen von über 100.000 € klingt nach Wohlstand, ist jedoch überwiegend gebunden: Es steckt in der selbstgenutzten Immobilie, die nicht kurzfristig veräußert werden kann, ohne die eigene Wohnsituation zu gefährden.

    • Statistik versus Lebensrealität: Nur die obersten 20 % der Haushalte verfügen über nennenswertes, frei verfügbares und flüssiges Vermögen. Für die Mehrheit ist der größte Vermögenswert zugleich die größte finanzielle Bindung.

    • Der Immobilien-Irrtum: Ein Eigentümer einer 750.000 € teuren Wohnung mit 500.000 € Restschuld gilt rechnerisch als vermögend. Faktisch verfügt er über keine nennenswerte Liquidität. Sein Vermögen schafft Sicherheit vor Mietsteigerungen, aber keine Handlungsfreiheit für Investitionen oder zur Abfederung von Krisen.


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