Kieselsteine

  • Der Krieg: Das Scheitern der Gemeinsamen Sache

    Es nützt nichts, moralisch, intellektuell oder in irgendeiner Weise überlegen zu sein, wenn der Unterlegene schließlich seine Waffen auspackt. Es gibt keine gerechten Kriege. Es mag zwar nachvollziehbare Gründe geben, warum es zu einem Konflikt kommt, aber ein Krieg ist immer ungerecht.

    Ein Krieg wird immer von einem Streit eingeleitet, der nicht gelöst werden konnte. Die Beteiligten wähnen sich dabei immer im Recht, und irgendwann findet auf beiden Seiten kein Austausch von Argumenten und Wertvorstellungen mehr statt. Selbst wenn Platon vom gerechten Krieg spricht, ist dies in der Praxis eher eine Rechtfertigung als eine wirkliche Begründung. Kriege lösen keine Konflikte. Nur manchmal, in seltenen Fällen, sind sie notwendig, um einer mörderischen Ideologie Einhalt zu gebieten – wie im Kampf gegen das Dritte Reich oder Serbien. Doch selbst diese notwendigen Akte sind Tragödien und keine Siege der Gerechtigkeit.

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  • Die Gemeinsamkeit als einziger Weg

    Die einzige mögliche Antwort auf die Komplexität und die fehlende Gewissheit ist die gemeinsame Zusammenarbeit und die Teilung des jeweiligen Wissens. Wir wissen zwar, dass jeder irrt, aber wir wissen nicht, was wir schaffen könnten, wenn wir wirklich alle gemeinsam an einer Sache – unserer aller Sache – arbeiten würden.

    Der Krieg und die Macht waren uns von jeher immer wichtiger als die Gemeinsamkeit aller Menschen. Hier zeigt sich die moralische Leere der Elite, für die es gerade für Intellektuelle schwer ist einzusehen, dass ein Wachkomapatient dieselben Mitspracherechte haben soll wie ein Bundeskanzler.

    Eine Elite meint, mit ihrem besseren Vermögen – sei es intellektuell oder finanziell – die Herrschaft begründen zu können. Doch die Geschichte ist ein Zeugnis dafür, dass Eliten uns schon immer in das Verderben geführt haben. Weder Putin noch Poroschenko sterben in der Ukraine. Die philosophische Erkenntnis, dass wir alle irren, muss zur politischen Ethik werden, die absolute Gleichheit im politischen Handeln fordert und die gemeinsame Sache als kollektiven, fehlbaren und dennoch notwendigen Prozess versteht.

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  • Die Scharlatanerie des Wissens

    Die Tendenz, gerade bei sozialen Problemen zu naturwissenschaftlichen Methoden zu greifen, ist nur logisch, da die außermenschlichen Gegenstände der Physik und Technik eine Scheingewissheit suggerieren. Doch dies ist dieselbe Scharlatanerie, die schon die vorantiken Hohepriester beherrschten, als sie eine Sonnenfinsternis vorhersagen konnten. Das Niveau mag sich gehoben haben, aber letztlich versteckt sich die Politik hinter scheinbaren Gewissheiten, indem sie vorgibt, die Sachverhalte seien „zu komplex“, als dass der gemeine Wähler sie verstehen könne.

    Diesen Mythos des überlegenen Wissens nährt die intellektuelle Elite: Wenn Denker wie Peter Sloterdijk für eine „Elitenzüchtung“ plädieren, weil der Humanismus angeblich gescheitert sei, fühlen sich die Mächtigen natürlich bestätigt. Auch wenn man populären Philosophen wie Richard David Precht Halbbildung vorwirft, übersieht man das Grundproblem: Es gibt keine Vollgebildeten mehr. Die letzten Universalgelehrten sind vor über hundertfünfzig Jahren gestorben.

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  • Die gescheiterte Wahrheitssuche

    Mit Denkern wie Popper und Wittgenstein ist jedoch das Heilsversprechen gefallen, dass man die absolute Wahrheit erreichen könne.

    Popper lehrte, dass sich eine wissenschaftliche Hypothese niemals beweisen, wohl aber widerlegen lässt (Falsifikation). Wittgenstein fragte berechtigterweise, was es bedeute, wenn wir einen Satz wie „Dieser Schwan ist weiß“ aussprechen. Die Buchstaben können ein Zufallsprodukt sein, und der Satz gilt nur so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist.

    Der Wähler jedoch will von der Regierung die Wahrheit und Führung wie vom Hohepriester der Vorantike. Der Kampf um eigene Erkenntnis ist vielen zu anstrengend. Die Volksparteien können daher mit den von ihnen verbreiteten Gewissheiten auf Stimmenfang gehen, selbst wenn die Propagandisten gebildet genug sind, um zu wissen, dass sie es nicht besser wissen. Mit der ehrlichen Wahrheit, dass wir es letztlich nicht wissen, lässt sich kein politischer Blumentopf gewinnen.

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  • Die Philosophie: Der Mythos der Gewissheit und die Notwendigkeit der Kollaboration

    Schon lange vor Herodot suchten die Menschen nach Wissen. Die Philosophie brach die Herrschaft der Götter und ihrer Stellvertreter, der Hohepriester und Pharaonen. Das Königtum in Europa, einst „von Gott gewollt“, wurde schließlich von der Aufklärung vom Thron gestoßen. Je verbreiteter das Wissen wurde, desto machtloser wurden die Mächtigen. Traditionelles, offenes Wissen für jedermann stellt tatsächlich eine Gefahr für die Eliten dar. Deshalb wird das Copyright so vehement verteidigt und auf die Urheberschaft Wert gelegt – der Vorsprung durch exklusives Wissen soll erhalten bleiben.

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  • Der Verlust der Gesamtschau und die Sachzwanglüge

    Dieses Gesellschaftssystem kümmert sich nicht mehr um die gemeinsame Sache wie in einer griechischen Polis; es ist reiner Selbstzweck. Erfolg existiert nur noch um des Erfolges willen im Wettbewerb mit dem Konkurrenten.

    Die Schar der Angestellten wird zu vereinzelt dressierten Erfüllungsgehilfen, die gar nicht mehr wissen, wie das Gesamtgeschäft läuft. Kein Bankangestellter hat einen Prozessablauf überhaupt noch im Blick. Programmierer und Mathematiker arbeiten nach theoretischen Modellen, und was die Maschine nicht mehr kann, wird als isoliertes Objekt an einen Menschen ausgegliedert, der den Gesamtprozess nicht mehr verstehen muss.

    Weil das System scheinbar so komplex ist, flöten Lobbyisten dem Politiker ein, es gäbe Sachzwänge, die die Wirtschaft zusammenbrechen lassen würden, wenn die Politik nicht folgen würde. Die Politik gerät damit in die Rolle des willfährigen Erfüllungsgehilfen eines entfesselten, ethikbefreiten Wirtschaftssystems, das sich selbst zu einem komplexen Selbstzweck erklärt hat. Das System ist komplex, aber die Lüge vom Sachzwang ist die bequeme Rechtfertigung für die Verweigerung von ethischem und politischem Handeln im Sinne der gemeinsamen Sache.

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  • Die Hybris der ethiklosen Elite

    Konzerne stecken ihre Terrains weltweit ab und fühlen sich der Gemeinschaft, der res publica, überhaupt nicht mehr verbunden. Sie rekrutieren ihr Personal aus einer Schar von karrieregeilen, jungen, ethiklosen Menschen, die denjenigen als Spinner abtun, der eine solche Chance aus ethischen Gründen ausschlägt. Wer in dieser Maschinerie nicht bis zum vierzigsten Lebensjahr eine bestimmte Karrierestufe erreicht, wird vom System ausgespuckt und durch den nächsten Nachwuchs ersetzt.

    Die Berufspolitik bildet diesen Nachwuchs willfährig aus und vernachlässigt das Humboldtsche Ideal von Bildung und Geist. Es geht nur noch um Pseudobildung, die gerade ausreicht, um das Ganze nicht gar zu billig erscheinen zu lassen.

    Diese erfolgreiche Elite ist der Hybris erlegen, ihre Position sei ihre Leistung. Dabei sind sie lediglich Lottogewinner; wahrscheinlich ständen fünfzig andere Menschen bereit, ihre Arbeit genauso gut zu erledigen. Aufgrund dieser Selbstüberschätzung gestatten sie sich Gehälter und Altersversorgungen, die das Hundert- bis Zweihundertfache eines normalen Arbeitnehmers in einem westlichen Land betragen. Dieses Maß an Ungleichheit wird selbst bei superreichen Gründern fortgesetzt, die vom System irgendwann ausgespuckt und zum bloßen Aktionär degradiert werden.

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  • Die Globalisierung des Manchesterkapitalismus

    Die Globalisierung ist keine neue Erscheinung, aber ihre entfesselte Form widerspricht den ethischen Forderungen der gemeinsamen Sache. Der Schuster und der Schneider sind aus Europa verschwunden. Stattdessen sterben ausgebeutete Textilarbeiter in Fabriken irgendwo auf der Welt, die einem modernen, globalisierten Manchesterkapitalismus gleichen.

    Die Wirtschaft orientiert sich scheinbar rational am billigsten Standort, ohne Rücksicht auf die Sinnhaftigkeit oder die ethischen Folgen. Der Transport ist in dieser Gesellschaftsordnung zu billig geworden. Containerschiffe, deren Motoren Abgase in die Atmosphäre blasen, die in keiner europäischen Stadt erlaubt wären, sind das Symbol dieser entgrenzten, verantwortungslosen Rationalität.

    Jeder einzelne Staat ist auf seinen Vorteil bedacht und würdigt eine Weltgesellschaft keines Blickes.

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  • Die Gesellschaft: Globaler Egoismus und der Verlust der Polis

    Die Gesellschaft ist immer eine Verbindung von Menschen. Heute ist diese Verbindung zur Weltgesellschaft geworden. Alle in der UNO vertretenen Staaten interagieren, während sich unterhalb dieser Ebene Zivilgesellschaften bilden, deren Ansichten, Meinungen und Urteile längst über Staatsgrenzen hinweg wandern. Ideen sind global: Von den Ideen der Französischen Revolution, die die amerikanische Verfassung befruchteten, bis zur Verbreitung Kantscher Philosophie in Japan im 19. Jahrhundert.

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  • Die Hürde der Vertretung

    Eine gemeinsame Sache würde bedeuten, dass alle Interessen berücksichtigt werden. Wir haben uns jedoch ein System geschaffen, in dem Geld schon beim Einzug in die Parlamente ein bestimmender Faktor ist. Kein ALG II-Empfänger hat eine realistische Chance, in ein Parlament einzuziehen, weil der Wahlkampf nicht leistbar ist.

    Somit sind die Armen in der Bevölkerung überhaupt nicht in den Parlamenten vertreten. Diese fehlende Vertretung ermöglicht die Verteilung von Geldern, die unter dem Deckmantel der Sozialkosten an Klientelunternehmen (Arbeitgeberverbände, Gewerkschaftsunternehmen, Sozialverbände) umgeleitet werden – etwa durch sinnlose Beschäftigungsmaßnahmen oder die unnötige Organisation von Essenverteilorganisationen wie den Tafeln. Diese entmündigen die Armen nicht nur finanziell, sondern zwingen sie auch zu Wohlverhalten, um nicht zu verhungern.

    Gleichzeitig dient die Angst der Armen als Druckmittel auf den unteren Mittelstand. Dieser Mittelstand wird doppelt abkassiert: Er zahlt Steuern, die an oligarchische Strukturen weitergeleitet werden, während er selbst mit dem Rücken zur Wand steht. Aus Angst, zu den Armen zu gehören, unterstützt er paradoxerweise seine Abkassierer, indem er das richtige Parteibuch pflegt und seine Angestellten entsprechend beeinflusst.

    Dieses gesamte System zeigt, dass die Politik in Deutschland eine Oligarchie des Machterhalts ist, die ihre Fundamente in der Unmündigkeit der Wähler und der strukturellen Ausgrenzung der Armen hat. Es regiert nicht die Vernunft, sondern das
    Klientel.

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