Die Kultur umfasst die unsichtbaren Regeln, die unser Zusammenleben formen – ob wir mit Messer und Gabel, mit Stäbchen oder mit Händen essen, ob wir Hände schütteln oder uns umarmen. Diese Regeln sind in der jeweiligen Kultur verankert und bedürfen keiner staatlichen Gesetze. Multikulturelle Umgebungen sind immer Kompromisse, da man nicht gleichzeitig mit den Händen isst und eine Visitenkarte mit beiden Händen überreicht.
Kieselsteine
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Die Homogenisierung der Weltgesellschaft
Vor zweihundert Jahren gab es noch Nischen mit tatsächlich anderen, alternativen Kulturen. Heute leben wir in einer Weltgesellschaft. Zwar gibt es noch Unterschiede, aber innerhalb börsennotierter Weltunternehmen sind diese minimal. Allein die Art des Wirtschaftens ist weltweit identisch, wenn ein Unternehmen an der New Yorker Börse gelistet sein will.
Diese Homogenisierung des Denkens und Handelns, die dem globalen Kapitalismus dient, macht es umso dringender, die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft zu überwinden und sich der gemeinsamen Sache als einer universellen, kulturell übergreifenden Aufgabe zuzuwenden. Der Mensch muss sich seiner Abhängigkeit von der Tradition und seiner eigenen intellektuellen Beschränktheit bewusst werden, um das Muster der Selbstzerstörung zu durchbrechen.
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Die Begrenzung der Erfahrung
Doch es scheint nichts zu nützen: Der Mensch neigt dazu, sich in die gleiche Richtung zu entwickeln, sobald der letzte Krieg nur weit genug entfernt ist und die letzten Überlebenden gestorben sind. Es ist kaum hundert Jahre her, dass Bündnispartner aufgrund eines Einzeltäters in den weltweiten Krieg zogen.
Die Geschichten dieser Kriege werden zwar erzählt und tradiert, aber das Erlebte – die unmittelbare Hölle – kann nicht weitergegeben werden. Die Erfahrung des Hasses und des Krieges ist nicht naturwissenschaftlich nachvollziehbar. Der Mensch ist in seiner Vorstellung begrenzt.
Wer mit abschließbaren Türen aufgewachsen ist, kann sich die friedliche Welt ohne Zäune kaum vorstellen (wie im Beispiel der Maya). Wir sind unfähig zu erkennen, wie uns die alltäglichen Traditionen prägen und unsere Vorstellungskraft begrenzen.
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Die Fragilität der Tradition
Wir sind nicht messbar intelligenter oder schlauer als ein Mensch von vor 35.000 Jahren. Alles, was wir sind, verdanken wir letztlich der Möglichkeit, Wissen zu tradieren und über Generationen weiterzugeben. All dies kann aber auch verloren gehen.
Die Überheblichkeit, mit der wir beispielsweise das europäische Mittelalter betrachten, ist dieselbe Überheblichkeit, mit der China kolonisiert werden sollte. Der Mensch ist dem Menschen Feind, und wir sind blind dafür, was wir durch unseren Egoismus und unsere Ignoranz zerstören. Wir wenden uns nicht uns selbst und unserer gemeinsamen Sache zu.
Die Dialektik der Aufklärung versuchte im Angesicht der jüngsten Katastrophen, einen Blick darauf zu werfen, was schiefgelaufen sein könnte. Obwohl die Aufklärung das Recht aller Menschen zu Tage gefördert hatte, hätte es das Dritte Reich niemals geben dürfen, wären diese Rechte tatsächlich verinnerlicht und gelebt worden.
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Die Menschen: Die Hybris der Gegenwart und die Begrenztheit der Vorstellung
„Erkenne Dich selbst!“ und „Ich denke, also bin ich.“ – Diese klassischen philosophischen Imperative führen uns an den Ursprung: das Individuum. Doch die menschliche Existenz ist untrennbar mit der Gemeinschaft verbunden. Kein Mensch könnte etwas erreichen, denken oder urteilen, hätte er nicht Vorfahren gehabt und wäre er nicht in die jetzige Gesellschaft hineingeboren.
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Die Gefahr des Nationalismus
Die Würde im Sinne des Grundgesetzes beinhaltet das Recht auf Selbstbestimmung und die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Doch Stück für Stück wird an diesem Recht herumgefingert, Wörter werden eingefügt, Einschränkungen beschlossen, bis der Gesetzgeber die Unantastbarkeit praktisch abgeschliffen hat.
Selbst wenn die Lage in Deutschland noch besser wäre als anderswo, die Forderung lautet: Die Würde eines jeden Menschen, nicht nur des deutschen Menschen, ist unantastbar. Doch die Regierung besteigt wieder den nationalistischen Zug – unter dem Jubel derer, die nur für Deutschland, aber nicht für die gemeinsame Sache denken. Der Verlust der Würde ist daher der Endpunkt einer Politik, die den nationalen Vorteil über die universelle menschliche Ethik stellt.
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Die Würde aller als Königsrecht
Wir stellen uns eine würdevolle Behandlung oft als den Empfang eines Staatsoberhauptes mit rotem Teppich und Ehrengarde vor. Wenn wir uns vor Augen halten, dass wir jeden Menschen so behandeln müssten, um ihm Würde zuzuerkennen, dann wäre Würde nur erreichbar, wenn wir alle Könige wären.
Der leichtere Weg ist jedoch, das Staatsoberhaupt nur als gleichen Menschen zu betrachten und ihm lediglich die gleiche Würde zuzugestehen wie jedem anderen. Die eitlen Traditionalisten, die besser behandelt werden wollen, würden dies ablehnen. Doch die Traditionen des Protokolls entstammen der Ungleichheit vor der Französischen Revolution.
Jeder Parlamentarier hat nicht mehr Würde als jeder Bürger. Der Berliner Pomp löste die Bonner Schlichtheit ab und zeugt vom Verlust dieser Gleichheit. Der Begriff der Würde weicht auf.
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Die Unantastbarkeit als Illusion
Die Verfasser des deutschen Grundgesetzes stellten die Würde bewusst an erste Stelle und fügten den Begriff „unantastbar“ hinzu, in der Hoffnung, dies würde ein Bollwerk gegen zukünftige Gräueltaten sein. Doch wie Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen feststellte: „Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unsrer Nase, und was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie
abzunehmen.“ Die Würde ist zu einer Brille geworden, die wir ständig tragen, deren Definition wir aber nicht mehr kritisch
hinterfragen.Derzeitige politische Entscheidungen zeigen, dass diese Unantastbarkeit eine Illusion ist:
- Die Pervertierung durch Rüstung: Wenn Politiker Kampfdrohnen zum Schutze deutscher Soldaten befürworten, missachten sie die Würde anderer. Die Würde des Gegners wird zum Objekt der Drohne degradiert, ähnlich wie die V2-Rakete einst als „Wunderwaffe“ die menschliche Verantwortung verschleierte.
- Die Entmündigung durch den Staat: In der Sozialgesetzgebung werden Menschen alle sechs Monate zum Objekt der Verwaltung. Ein Mensch, der vom Staat Geld erhält, muss sich beim Staat abmelden, wenn er verreist. Die Begründung ähnelt jener im Militär: Der Staat unterstellt, er sei der Arbeitgeber und der Empfänger ein Untergebener. Der entscheidende Unterschied – hier ein freies Vertragsverhältnis (oder die Illusion davon), dort Staatsgewalt – wird ignoriert. Dieses Handeln ist würdelos und zeigt, dass der Würdebegriff selbst im Rechtsstaat verkommt.
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Die Würde: Die Erosion der letzten Bastion
Die menschliche Würde ist zur neuen, letzten Bastion avanciert, nachdem die großen Ideale der Aufklärung – Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit – im letzten Jahrhundert pervertiert wurden. Das Dritte Reich entleerte diese Begriffe, indem es Freiheit nur für das „deutsche Volk“, brüderliche Kameradschaft nur für die „Gleichen“ und eine Gleichheit nur der „besseren Menschen“ über alle anderen postulierte. Die Menschenrechte wurden dadurch hohl und boten keinen Schutz mehr.
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Respekt als Bedingung für Kommunikation
Die Ursache von Konflikten ist fast immer komplexer als das einfache Narrativ der Schuldzuweisung. Doch die Überlegenen – die USA mit ihren Konzernen, der Westen mit seiner Überheblichkeit – stellen sich dar, als hätten sie das Recht auf ihrer Seite und vertuschen ihre eigene Schuld geschickt. Es nützt nichts, den Friedenswillen zu betonen, wenn der andere nicht respektiert wird.
Fehlt der notwendige Respekt gegen jeden Einzelnen, selbst wenn er im Unrecht sein sollte, wird es keinen Frieden geben. Niemand auf dieser Welt besitzt genügend Bildung oder Wissen, um alle Aspekte genau zu erfassen. Deshalb muss jedem Standpunkt zugehört und versucht werden, sich damit auseinanderzusetzen.
Frieden verlangt Kommunikation, Kommunikation und nochmals Kommunikation. Es ist die unaufhörliche Bereitschaft zum Dialog und zur Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Standpunkte innerhalb der res publica, die uns dem Ideal der gemeinsamen Sache näherbringt.