Kieselsteine

  • Die Unantastbarkeit als Illusion

    Die Verfasser des deutschen Grundgesetzes stellten die Würde bewusst an erste Stelle und fügten den Begriff „unantastbar“ hinzu, in der Hoffnung, dies würde ein Bollwerk gegen zukünftige Gräueltaten sein. Doch wie Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen feststellte: „Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unsrer Nase, und was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie
    abzunehmen.“
    Die Würde ist zu einer Brille geworden, die wir ständig tragen, deren Definition wir aber nicht mehr kritisch
    hinterfragen.

    Derzeitige politische Entscheidungen zeigen, dass diese Unantastbarkeit eine Illusion ist:

    1. Die Pervertierung durch Rüstung: Wenn Politiker Kampfdrohnen zum Schutze deutscher Soldaten befürworten, missachten sie die Würde anderer. Die Würde des Gegners wird zum Objekt der Drohne degradiert, ähnlich wie die V2-Rakete einst als „Wunderwaffe“ die menschliche Verantwortung verschleierte.
    2. Die Entmündigung durch den Staat: In der Sozialgesetzgebung werden Menschen alle sechs Monate zum Objekt der Verwaltung. Ein Mensch, der vom Staat Geld erhält, muss sich beim Staat abmelden, wenn er verreist. Die Begründung ähnelt jener im Militär: Der Staat unterstellt, er sei der Arbeitgeber und der Empfänger ein Untergebener. Der entscheidende Unterschied – hier ein freies Vertragsverhältnis (oder die Illusion davon), dort Staatsgewalt – wird ignoriert. Dieses Handeln ist würdelos und zeigt, dass der Würdebegriff selbst im Rechtsstaat verkommt.

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  • Die Würde: Die Erosion der letzten Bastion

    Die menschliche Würde ist zur neuen, letzten Bastion avanciert, nachdem die großen Ideale der Aufklärung – Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit – im letzten Jahrhundert pervertiert wurden. Das Dritte Reich entleerte diese Begriffe, indem es Freiheit nur für das „deutsche Volk“, brüderliche Kameradschaft nur für die „Gleichen“ und eine Gleichheit nur der „besseren Menschen“ über alle anderen postulierte. Die Menschenrechte wurden dadurch hohl und boten keinen Schutz mehr.

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  • Respekt als Bedingung für Kommunikation

    Die Ursache von Konflikten ist fast immer komplexer als das einfache Narrativ der Schuldzuweisung. Doch die Überlegenen – die USA mit ihren Konzernen, der Westen mit seiner Überheblichkeit – stellen sich dar, als hätten sie das Recht auf ihrer Seite und vertuschen ihre eigene Schuld geschickt. Es nützt nichts, den Friedenswillen zu betonen, wenn der andere nicht respektiert wird.

    Fehlt der notwendige Respekt gegen jeden Einzelnen, selbst wenn er im Unrecht sein sollte, wird es keinen Frieden geben. Niemand auf dieser Welt besitzt genügend Bildung oder Wissen, um alle Aspekte genau zu erfassen. Deshalb muss jedem Standpunkt zugehört und versucht werden, sich damit auseinanderzusetzen.

    Frieden verlangt Kommunikation, Kommunikation und nochmals Kommunikation. Es ist die unaufhörliche Bereitschaft zum Dialog und zur Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Standpunkte innerhalb der res publica, die uns dem Ideal der gemeinsamen Sache näherbringt.

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  • Die selektive Würde und das fehlende Wir

    Um überhaupt friedlich miteinander leben zu können, müsste die Würde des Menschen jederzeit beachtet werden. Doch dies gelingt schon nicht mehr, sobald das Gegenüber nicht ist, wie wir. Wir sehen dies in der selektiven Moral der Politik: Wenn Politiker die eigenen Soldaten als schützenswert betrachten, implizieren sie, dass die Gegner ihrer Soldaten es nicht verdienen, genauso geschützt zu werden.

    Ein echtes Wir der gesamten Menschheit gäbe es wohl nur bei einer äußeren Bedrohung – doch selbst wenn diese existiert, würden wir sie aus innerer Spaltung heraus wahrscheinlich nicht erkennen. Es ist leichter, das Trennende zu erkennen als das Gemeinsame.

    Die Gemeinsamkeiten von Russland und der Ukraine beispielsweise – insbesondere die Unfähigkeit, tatsächlich vorhandene innenpolitische Probleme zu lösen – werden nicht betont. Stattdessen wird die jeweilige Bevölkerung in einen Nationalismus gehetzt.

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  • Der Frieden: Das Ideal der Selbstverständlichkeit

    Das Wort Frieden sollte es eigentlich gar nicht geben, so wie es kein Wort für das Gegenteil von Durst gibt. Es sollte so normal sein, keinen Durst zu haben und nicht zu verdursten. Der Friede sollte die Selbstverständlichkeit sein. Leider ist es genau umgekehrt: Latente Kriegszustände und die Abwesenheit eines echten Friedens sind die Regel.

    Eine Gesellschaft ist selbst dann noch nicht friedlich, wenn kein Krieg ausbricht. Friede existiert nur, wenn Gegenpositionen ohne den Missbrauch von Macht ausgetauscht werden und allen das gleiche Recht zugestanden wird, sich an der gemeinsamen Sache zu beteiligen.

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  • Informationskrieg und die Wurzel der Gewalt

    Es ist somit nicht verwunderlich, dass Russland zum ersten Mal einen systematischen Informationskrieg mit gefälschten Meldungen im Internet begann. Die eigene Bevölkerung glaubt dieser Propaganda, weil die dahinterliegenden tiefen gesellschaftlichen Konflikte und gefühlten Verletzungen real sind. Die Argumente der Minderheit – und sei es nur die Minderheit eines Kulturkreises, der sich besiegt fühlt – werden nicht wahrgenommen. Die Ignoranz der Überlegenen ist dabei das schlechteste Mittel, selbst wenn die Gegenseite im Unrecht liegt.

    Solche Konflikte sind die Wurzel des Krieges und Futter für radikale politische Kräfte.

    Eine Gesellschaft muss sich stets bemühen, alle an der gemeinsamen Sache teilhaben zu lassen und niemanden zu unterdrücken. Dauert die Unterdrückung nur lange genug, dann greift irgendwann irgendwer zu den Waffen, und die Gewalt nimmt ihren Lauf.

    Der Krieg ist somit das ultimative Scheitern der Ethik und der Vernunft, eine direkte Konsequenz der Oligarchie des Machterhalts und der Hybris der ethiklosen Elite, die die gemeinsame Sache zugunsten des eigenen Vorteils aufgegeben hat.

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  • Die Überheblichkeit des Westens als Konfliktquelle

    Oft entstehen Kriege aus den Sünden und Fehlern der Vergangenheit. Die Gefahr des Krieges in der Ukraine beispielsweise ist so hoch, weil der Westen in seiner kulturellen und ideologischen Überheblichkeit die russische Seele verletzt hat. Nachdem der Kalte Krieg vermeintlich gewonnen war, ignorierten wir die kulturellen und sozialen Differenzen, die weiterhin vorhanden waren.

    Der westliche Kapitalismus wähnte sich im totalen Sieg und meinte, die sozialen Fragen ignorieren zu können. Während des Kalten Krieges gab es im Westen noch soziale Bestrebungen, weil ein Gegensystem existierte, das, wenngleich wirtschaftlich schwächer, dennoch ein Gegenmodell mit Arbeitsplatzgarantien und staatlicher Fürsorge bot. Als sich China dem Kapitalismus zuwandte, schien für die Konzerne alles in bester Ordnung.

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  • Der Krieg: Das Scheitern der Gemeinsamen Sache

    Es nützt nichts, moralisch, intellektuell oder in irgendeiner Weise überlegen zu sein, wenn der Unterlegene schließlich seine Waffen auspackt. Es gibt keine gerechten Kriege. Es mag zwar nachvollziehbare Gründe geben, warum es zu einem Konflikt kommt, aber ein Krieg ist immer ungerecht.

    Ein Krieg wird immer von einem Streit eingeleitet, der nicht gelöst werden konnte. Die Beteiligten wähnen sich dabei immer im Recht, und irgendwann findet auf beiden Seiten kein Austausch von Argumenten und Wertvorstellungen mehr statt. Selbst wenn Platon vom gerechten Krieg spricht, ist dies in der Praxis eher eine Rechtfertigung als eine wirkliche Begründung. Kriege lösen keine Konflikte. Nur manchmal, in seltenen Fällen, sind sie notwendig, um einer mörderischen Ideologie Einhalt zu gebieten – wie im Kampf gegen das Dritte Reich oder Serbien. Doch selbst diese notwendigen Akte sind Tragödien und keine Siege der Gerechtigkeit.

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  • Die Gemeinsamkeit als einziger Weg

    Die einzige mögliche Antwort auf die Komplexität und die fehlende Gewissheit ist die gemeinsame Zusammenarbeit und die Teilung des jeweiligen Wissens. Wir wissen zwar, dass jeder irrt, aber wir wissen nicht, was wir schaffen könnten, wenn wir wirklich alle gemeinsam an einer Sache – unserer aller Sache – arbeiten würden.

    Der Krieg und die Macht waren uns von jeher immer wichtiger als die Gemeinsamkeit aller Menschen. Hier zeigt sich die moralische Leere der Elite, für die es gerade für Intellektuelle schwer ist einzusehen, dass ein Wachkomapatient dieselben Mitspracherechte haben soll wie ein Bundeskanzler.

    Eine Elite meint, mit ihrem besseren Vermögen – sei es intellektuell oder finanziell – die Herrschaft begründen zu können. Doch die Geschichte ist ein Zeugnis dafür, dass Eliten uns schon immer in das Verderben geführt haben. Weder Putin noch Poroschenko sterben in der Ukraine. Die philosophische Erkenntnis, dass wir alle irren, muss zur politischen Ethik werden, die absolute Gleichheit im politischen Handeln fordert und die gemeinsame Sache als kollektiven, fehlbaren und dennoch notwendigen Prozess versteht.

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  • Die Scharlatanerie des Wissens

    Die Tendenz, gerade bei sozialen Problemen zu naturwissenschaftlichen Methoden zu greifen, ist nur logisch, da die außermenschlichen Gegenstände der Physik und Technik eine Scheingewissheit suggerieren. Doch dies ist dieselbe Scharlatanerie, die schon die vorantiken Hohepriester beherrschten, als sie eine Sonnenfinsternis vorhersagen konnten. Das Niveau mag sich gehoben haben, aber letztlich versteckt sich die Politik hinter scheinbaren Gewissheiten, indem sie vorgibt, die Sachverhalte seien „zu komplex“, als dass der gemeine Wähler sie verstehen könne.

    Diesen Mythos des überlegenen Wissens nährt die intellektuelle Elite: Wenn Denker wie Peter Sloterdijk für eine „Elitenzüchtung“ plädieren, weil der Humanismus angeblich gescheitert sei, fühlen sich die Mächtigen natürlich bestätigt. Auch wenn man populären Philosophen wie Richard David Precht Halbbildung vorwirft, übersieht man das Grundproblem: Es gibt keine Vollgebildeten mehr. Die letzten Universalgelehrten sind vor über hundertfünfzig Jahren gestorben.

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