Das Dilemma der Unterlassenden und die falschen Gewissheiten

Umso erschreckender ist es, dass die Aufklärung – dieses Wissen um die Notwendigkeit des kritischen eigenen Denkens – nicht einmal bei einem Großteil der Unterlassenden angekommen ist, jener Menschen, die wir bereits als heimliche Zustimmer der Mächtigen identifiziert haben. Sie wollen nicht nur ihre Unmündigkeit nicht wirklich verlassen, sie versuchen nicht einmal, ein wenig mündiger zu werden.

Stattdessen hört sich jeder Politiker an jeder Ecke an, er solle das jeweilige Dilemma lösen. Der Fordernde ist dabei selbst Teil dieses Problems, verweigert aber den Versuch, seinen eigenen Beitrag zu leisten, aufgrund seiner mangelnden Aufklärung und Bildung.

Gerade die Erfolgreichsten und Handlungsfähigsten glauben am stärksten, dass sie die Wahrheit sprächen. Sie brauchen ihre Gewissheiten, um überhaupt handeln zu können. Ohne dieses psychologische Grundgerüst an Stabilität wären sie wie ein Mensch, der das Laufen verlernt hat. Dieses Spannungsfeld ist wahrlich zum Wahnsinnigwerden. Es entsteht zwischen der Notwendigkeit von Gewissheit für das Handeln und der Erkenntnis der relativen Haltlosigkeit dieser Gewissheiten.

Ein Physiker wie Alan Sokal, der sich über postmodernistische Philosophie lustig macht, kann seine Gewissheiten in der außermenschlichen Welt verankern. Der Berufspolitiker und Manipulator schwimmt jedoch ebenso wenig, da er seine Gewissheiten frei erfinden und sie bestenfalls mit naturwissenschaftlich verbrämten Zahlen untermauern kann, die im Kontext der sozialen Erkenntnis ebenso haltlos sind.

Wir sind nicht aufgeklärt, was unser soziales Handeln anbelangt. Die Aufklärung hat viel für unsere Sicht auf die äußere Welt getan, aber unsere Fixierung auf diese objektive Sicht hat viel von der intrinsischen, sozialen und ethischen Seite der Menschheit zerstört, was die gemeinsame Sache zu einem ständigen Stochern im Dunkeln macht.

Die Unmündigkeit, die Kant beschreibt, ist nicht immer selbst verschuldet. Wer in einem barbarischen System sozialisiert wurde – wie die Figur des Hitlerjungen Salomon, der nur überleben konnte, indem er sich selbst verleugnete – konnte seine Unmündigkeit nicht selbst verschulden; er stand unter der brutalen Leitung anderer.

In den Naturwissenschaften haben wir noch außermenschliche Sachverhalte, die feststellbar sind und zu vernünftigen Einsichten führen können. Unsere sozialen Einsichten hingegen sind immer geprägt durch unsere Sozialisation. Wir stehen immer unter der Leitung anderer, im Sinne von Vorwissen, Kultur und Sprache. Ein einzelnes Menschenleben reicht nicht aus, um die Erkenntnisse über die Welt nur durch eigenen Verstand und eigene Vernunft zu erlangen. Wir gründen unsere Ansichten immer auf den Erkenntnissen unserer Vorfahren – und somit auch auf ihren Irrtümern.

Selbst der Versuch, wie einst Zamenhof, eine neutrale Weltsprache zu schaffen, muss scheitern, weil wir unmöglich erkennen können, welche unbewussten kulturellen Irrtümer wir dabei begehen.

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