Die Analyse aus verschiedenen Fachgebieten zeigt, dass Werte eine doppelte Natur haben: Sie sind einerseits nicht vollständig beweis- oder ableitbar, andererseits aber unverzichtbar für die Handlungsfähigkeit von Individuen, Institutionen und ganzen Gesellschaften. In dieser Hinsicht funktionieren sie wie Axiome in der Mathematik: Sie sind die grundlegenden, nicht hinterfragbaren Annahmen, die es erst ermöglichen, ein System aufzubauen.
Axiome in den Disziplinen
- Philosophie: Bei Kant ist die Menschenwürde das zentrale Axiom. Sie wird nicht aus etwas anderem abgeleitet, sondern als absolute, unantastbare Basisannahme gesetzt, die unser gesamtes moralisches Handeln leitet. In der neorealistischen Ontologie von Markus Gabriel gibt es verschiedene Sinnfelder, die jeweils auf eigenen Basisannahmen beruhen, ohne dass es eine übergeordnete Instanz gäbe, die sie alle begründet.
- Soziologie: Talcott Parsons betont, dass Gesellschaften ohne geteilte grundlegende Werte nicht überlebensfähig wären. Diese Werte sind wie Axiome, die Handlungen und Erwartungen koordinieren. Armin Nassehi greift diese Idee auf und betont, dass Werte als reflexive Axiome funktionieren, die einer ständigen Selbstbeobachtung unterliegen müssen, um zu verhindern, dass sie zu starren, dogmatischen Setzungen erstarren.
- Rechtswissenschaft: Hier wird die Rolle der Werte als Axiome am deutlichsten. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist ein herausragendes Beispiel: Die Würde des Menschen (Art. 1 Abs. 1 GG) wird als unantastbares Axiom deklariert, das keiner weiteren Begründung bedarf, sondern die Grundlage für alle nachfolgenden Gesetze bildet. Juristen wie Frauke Brosius-Gersdorf betonen, dass gerade dieser axiomatische Status eine ständige reflexive Anwendung erfordert, um Missbrauch zu verhindern.
- Ökonomie: Selbst in der Ökonomie gibt es axiomatische Annahmen. In der Spieltheorie und der Rational-Choice-Theorie wird der „erwartete Nutzen“ als ein unhinterfragbares Axiom gesetzt, auf dessen Basis das Verhalten rationaler Akteure modelliert wird.
- Politikwissenschaft: John Rawls‘ Gerechtigkeitstheorie basiert auf den Grundprinzipien der Gerechtigkeit als rational vereinbarte Axiome, die das Zusammenleben in einer liberalen Demokratie strukturieren. Hannah Arendt warnte vor totalitären Regimen, die falsche, ideologische Werte (wie „Rassenreinheit“) zu dogmatischen, unhinterfragbaren Axiomen erhoben und damit Unrecht legitimierten.
Werte sind also keine mysteriösen Größen, sondern handlungsleitende Axiome. Sie sind die notwendigen Startpunkte, um die Komplexität der Welt zu bewerten und zu navigieren. Ihre axiomatische Natur macht sie jedoch anfällig für Missbrauch. Die zentrale Aufgabe besteht daher darin, diese grundlegenden Annahmen stets kritisch zu reflektieren, anstatt sie zu unveränderlichen Dogmen zu erheben.
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