Gemeinsamer Nenner: Wert konstituiert sich durch Abgrenzung
Die vorangegangene Analyse, die sich über philosophische, soziologische, rechtliche, ökonomische und politische Ansätze erstreckt, mündet in eine entscheidende, metatheoretische Einsicht: Wert konstituiert sich stets durch Abgrenzung. Jede Disziplin, unabhängig von ihrem spezifischen Fokus, bestätigt, dass der Begriff des Wertes relational ist. Er entsteht nicht als isoliertes, in sich ruhendes Phänomen, sondern gewinnt seinen Sinn und seine Wirkmacht erst im Zusammenspiel und in der kategorialen Differenz zu dem, was als Nicht-Wert verstanden wird.
- Philosophie: Die Unterscheidung beginnt schon in der Antike. Bei Aristoteles ist es die Differenz zwischen Gebrauchs- und Tauschwert. Bei Kant wird der unbedingte Wert der Würde nur im Kontrast zu dem, was einen Preis hat, verständlich. Selbst die relativistische Perspektive von Nietzsche argumentiert, dass Werte wie „gut“ und „böse“ aus einer historischen Abgrenzung entstehen.
- Soziologie: Luhmanns Systemtheorie ist das paradigmatische Beispiel für dieses Prinzip. Werte sind hier funktionale Differenzen, die sozialen Systemen ihre Identität verleihen und Kommunikation ermöglichen – das Rechtssystem operiert über die Unterscheidung „recht/unrecht“, die Wissenschaft über „wahr/unwahr“.
- Rechtswissenschaft: Das Recht selbst funktioniert als ein System der Abgrenzung. Die Verfassung setzt Werte wie die Menschenwürde, gerade weil sie als fundamentale Differenz zu Unrecht und Barbarei verstanden wird. Das Strafrecht operationalisiert diese Unterscheidung ganz praktisch, indem es Wert (z.B. das Leben) von Unwert (dem Mord) trennt und verfolgt.
- Ökonomie: Die ökonomische Werttheorie ist ebenfalls relational. Der Wert einer Ware bemisst sich bei Marx im Vergleich zur gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, bei den Neoklassikern ist der Grenznutzen eine explizite relationale Kategorie. Auch in der Verhaltensökonomik wird Wert im Verhältnis zu psychologischen Anreizen und Verlustaversion gesetzt.
- Politikwissenschaft: In der Politik sind Werte die Grundlage für Legitimation und Konflikt. Max Weber zeigt, dass wertrationales Handeln in Abgrenzung zu zweckrationalem Handeln steht und politisches Handeln erst legitimiert. Isaiah Berlin betont, dass Werte in Demokratien oft inkommensurabel sind und im Verhältnis zueinander stehen (Freiheit vs. Gleichheit). Hannah Arendt zeigt, wie autoritäre Regime die Unterscheidung von „wir“ und „die anderen“ als totalitäre Setzung missbrauchen.
In allen Feldern ist „Wert“ also ein dynamisches Konzept, das nur durch seine Abgrenzung zum „Nicht-Wert“ – sei es das Nicht-Wertvolle, das Unrechte oder das Unwirtschaftliche – existieren kann. Diese Erkenntnis macht den Begriff nicht beliebig, sondern zeigt vielmehr seine zentrale Rolle als fundamentales Werkzeug, um die Komplexität der Welt zu strukturieren.
Die interdisziplinäre Betrachtung zeigt, dass Werte das komplexe Ergebnis von Differenz1, Setzung und Reflexion sind. Sie sind somit ein lebendiger, handlungsleitender Prozess, der die Grundlage für eine zivilisierte, demokratische und pluralistische Gesellschaft bildet.
1Rasche, Michael https://michaelrasche.eu/differenz/
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