Mit dem Übergang ins 19. Jahrhundert verschiebt sich die ökonomische Wertdebatte: Von objektiven Maßstäben wie Arbeit oder Produktionskosten hin zu einem subjektiven Verständnis. Die sogenannte Grenznutzentheorie (u. a. Carl Menger1, William Stanley Jevons2, Léon Walras3) markiert diese Wende.
Subjektiver Wert
In der neoklassischen Ökonomie ist Wert nicht länger in der Arbeit verankert, sondern im Nutzen, den ein Individuum aus einem Gut zieht. Entscheidend ist nicht der durchschnittliche Aufwand, sondern die individuelle Präferenz: Ein Glas Wasser ist in der Wüste unschätzbar wertvoll, während es in einer Großstadt kaum einen Preis erzielt.
Grenznutzen als Differenz
Besonders prägend ist das Konzept des Grenznutzens: Der Wert eines Gutes nimmt mit jeder zusätzlichen Einheit ab. Das erste Brot stillt den Hunger, das zweite bringt noch Genuss, das zehnte verliert fast jede Bedeutung. Damit ist Wert explizit relational und differenziell – er existiert nur im Verhältnis zu Alternativen und im Vergleich der jeweiligen Situation.
Rationalität und Marktgleichgewicht
Die Neoklassik baut auf der Annahme rationaler Akteure, die nach Nutzenmaximierung streben. Werte sind also nicht nur subjektiv, sondern auch vergleichbar: Preise im Markt spiegeln die aggregierten individuellen Präferenzen wider. Der Markt wird damit zur Instanz, die Werte in Form von Preisen sichtbar und verbindlich macht.
Unterschied zur klassischen Wertlehre
Während Smith, Ricardo und Marx Wert an objektive Größen (Arbeit, Produktionszeit) binden, entkoppelt die Neoklassik Wert vollständig von solchen Grundlagen. Wert ist rein subjektiv, kontextabhängig und individuell gesetzt.
Die neoklassische Wertlehre bestätigt zentrale Elemente deiner allgemeinen Wertanalyse:
- Wert als Differenz (Grenznutzen entsteht nur im Vergleich).
- Wert als Setzung (individuelle Präferenzen legen fest, was wertvoll ist).
- Gefährliche Setzungen (wenn Märkte falsche Anreize setzen, etwa bei Spekulationsblasen).
Damit markiert die Neoklassik einen Bruch mit den klassischen Theorien: Wert ist nicht mehr gesellschaftlich oder historisch verankert, sondern Ergebnis individueller Entscheidungen und kollektiver Marktmechanismen.
1Carl Menger: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre (1871)
2William Stanley Jevons: The Theory of Political Economy (1871)
3Léon Walras: Éléments d’économie politique pure (1874/77)
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