Die soziologische Gegenwart: Armin Nassehi und die soziale Produktion von Werten

Während Ronald Inglehart Werte als empirisch messbare Phänomene des gesellschaftlichen Wandels untersucht und Niklas Luhmann sie als systeminterne Kommunikationscodes analysiert, erweitert Armin Nassehi (geb. 1964) diese Perspektiven um eine differenzierte Reflexion der Gegenwartsgesellschaft.1

Werte als relationale Differenz

Nassehi greift die zentrale Luhmannsche Einsicht auf: Werte entstehen immer durch Differenzbildung. Das „Wertvolle“ ist nur erkennbar, weil es sich vom „Unwertvollen“ abgrenzt. Werte existieren demnach nicht als metaphysische Wahrheiten, sondern als relationale Unterscheidungen, die soziale Systeme für Selbstbeobachtung und Handlungssteuerung nutzen. So strukturiert beispielsweise:

  • das Rechtssystem Kommunikation über die Unterscheidung recht/unrecht,
  • das Wirtschaftssystem über zahlen/nicht zahlen,
  • das Wissenschaftssystem über wahr/unwahr2

Pluralität der Wertesysteme

Für Nassehi ist Gesellschaft funktional differenziert: jedes Teilsystem produziert eigene Werte, die sich nicht auf ein gemeinsames „Wir“ reduzieren lassen. Die zentrale Gefahr liegt nicht in der Existenz von Werten, sondern im Reduktionismus, der die Vielfalt der Systeme missachtet. Werden etwa politische Werte über wissenschaftliche Erkenntnisse gestellt, entsteht ein Funktionsverlust, der Gesellschaften vulnerabel für autoritäre Setzungen macht.

Werte als Axiome und Reflexionsaufgabe

Nassehi vergleicht Werte mit Axiomen: sie sind notwendig für Handlungsfähigkeit, müssen aber nicht vollständig begründet werden. Entscheidend ist die reflexive Behandlung dieser Axiome: Transparenz, Kritikfähigkeit und Diskursfähigkeit sichern ihre Funktion in einer modernen Gesellschaft. Werte sind somit keine festen Endpunkte, sondern prozedurale Ordnungen, die Orientierung geben, aber offen für Wandel und Kritik bleiben.



1Nassehi, Armin: Die Gesellschaft der Gesellschaft [Einführung in Luhmanns Theorie in der Gegenwart], München 2017

2Nassehi, Armin: Muster: Theorie der digitalen Gesellschaft, München 2019, Kap. 3–4.

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