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- Kieselsteinchen
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Kapitel 36 – Lebenslauf: Zu viel für ein Blatt Papier
12 Monate.Statt 20.Oder 16.Nur ein Jahr Bundeswehr –die Wehrzeitkürzungen hatten zugeschlagen.Und mit den anderen „Ausscheidern“,die noch 16 Monate gemacht hatten,ging es für michab zum Arbeitsamt.Der Ernst des Lebens,wieder mal. Ein Lebenslauf sollte es sein.Ehrlich.Alles rein, was ich gemacht hatte.Na gut, dachte ich –daran soll’s nicht scheitern.Ich schrieb. Und schrieb.Zwei abgebrochene Lehren,unzählige Jobs,praktisch alles außer Langeweile.…
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Kapitel 35 – Der Abend, an dem die Welt stillstand
Jeder weiß, wo er war,als die Mauer fiel.Es ist einer dieser seltenen Momente,die sich wie eingebrannt haben –in Zeit, Raum und Gedächtnis. Ich war mit meinem Vaterin der Sonnenstraße 20,Lohnabrechnungen durchgehen.Routine, wie so oft.Dann kam der Anruf:„Mach den Fernseher an.“ Was dann geschah,ließ die Welt stillstehen.Der Bildschirm flimmerte,dann Bilder –Menschen,Grenzübergänge,Freudentränen.Ost-Berliner, die rüberkamen.West-Berliner, die Sektflaschen öffneten.Grenzer,…
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Kapitel 34 – Kalter Krieg im Tauwetter
Während ich mit 25 Jahren meine Grundausbildung gerade erst überstanden hatteund endlich meine Sicherheitsfreigabe hatte,änderte sich die Welt –und wir übten weiter,als hätte sie das vergessen. Zweimal während meiner Dienstzeitwurde die Wehrpflicht verkürzt.Zweimal bedeutete das:Kein Raketenschießen auf Kreta.Die Königsdisziplin der Hawk-Einheiten – gestrichen.Diejenigen, die noch schießen durften,gehörten zur Generation vor uns.Wir übten nur mit Betondummysund…
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Kapitel 33 – Einrücken mit Vorgeschichte
Silvester 1989 in Konstanz war klirrend kalt –nicht nur wegen der Temperaturen,sondern auch wegen der Gewissheit,dass es das letzte Fest in Freiheit sein würde.Tom und Jan waren dabei,alte Freunde, beide schon fertig mit ihrer Zeit beim Heer.Jetzt lachten sie über die Luftwaffe,zogen über das Chemieklo von Germersheim herund machten Witze, wie man dort mit der…
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Kapitel 32 – Bürgerlichkeit mit Keller
Nein, Viehhandel war es ganz sicher nicht.Wir waren keine Bauern, sondern das,was man auf dem Land mit leichtem Stirnrunzeln als „die Städter“ bezeichnete.Gebildete Bürgerlichkeit auf dem Dorf,ein Münchner Geist in einem Körper auf dem Land. Mein Vater war einer dieser Männer,die in mehreren Leben gleichzeitig lebten –und die auch alle gleichzeitig funktionierten.Schon vor meiner Geburt…
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Kapitel 31 – Der Suzuki Winz und das Rennen gegen die Zeit
So kam ich also doch wieder im Elternhaus an –nicht freiwillig, sondern wegen der drohenden Ausschreibung zur Fahnenflucht.Die Flucht aus Österreich endete nicht in der Freiheit,sondern in der Realität:Kreiswehrersatzamt München,eine der hässlicheren Adressen meiner Jugend. Ich rumpelte hinein,ganz der verlorene Sohn,unterschrieb ein paar Blätter,unter anderem, dass ich „freiwillig“ einrückeund mich nicht ins Ausland absetze.Ein bürokratischer…
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Kapitel 30 – Gefasst an der Grenze: Ein Fehler mit Folgen
Die Bundeswehr hatte mich nicht vergessen.Ich war zurückgestellt worden, ja – wegen des gebrochenen Arms,der mir unter dem LKW meines Vaters fast zermalmt worden war.Aber vergessen? Nein. Nach der Schuhverkäuferlehre war ich nach Österreich verschwunden,ohne mich großartig abzumelden.Ein bisschen Flucht, ein bisschen Selbstsuche,ein bisschen: Ich bin dann mal weg.Zwei Jahre lang funktionierte das erstaunlich gut.Bis…
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Kapitel 29 – Wache schieben: Zwischen Blaulicht und G3
Nachtwachen ähneln sich.Ob du nun in der Rettungswache auf dem Klappbett liegstoder draußen an der Kasernenmauer mit dem G3 auf Patrouille gehst –wenn nichts passiert,passiert eben nichts. Im Rettungsdienst ist die Nacht voller Möglichkeiten:Ein Anruf, ein Notfall, ein Unfall.Oder eben: Stille. Du sitzt,spielst Karten,ratscht,döst,hast das Funkgerät im Blick.Und du weißt:Es kann jeden Moment losgehen.Oder auch…
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Kapitel 28: Blaulicht, Blut und Bilder im Kopf Man sagt, der Mensch gewöhnt sich an alles.
Aber das stimmt nicht. Man funktioniert. Mehr nicht. Im Rettungsdienst lernte ich früh, was andere ihr Leben lang vermeiden: Blut. Körper. Tod. Ich war sechzehn oder siebzehn, und beim ersten Mal kotzte ich in den Straßengraben. Dritter Mann. Der Unerfahrenste. Mit rausgenommen zur Übung. Oder, wie man später zynisch sagt: „Damit du’s lernst.“ Ich lernte.…
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Kapitel 27 – Sekundenschlaf
Dass ich noch lebe,ist bei nüchterner Betrachtungweniger ein Verdienst als ein Wunder. Denn der Käfer war nicht das einzige Auto, das ich der Welt entriss. Es war eine Feier.So eine, wie sie enden:Zigarettenqualm in der Luft,leere Flaschen auf dem Tisch,und irgendwann:alle weg. Bis auf sie.Meine Schwester. Die Letzte, die noch mit mir im Auto saß.Fiesta.…